Hannes Birnbacher, Windhagen/Ww.

Alter PC als Fernseher und Videorecorder

Der Computer

Es bestand der Wunsch, einen ausgedienten PC der 2-GHz-Klasse als "Multimedia-PC" zu installieren. Unter anderem sollten wertvolle, uralte Familienaufnahmen, die vor langer Zeit von Normal-8 Schmalfilmen auf VHS überspielt waren oder bereits mit Video-8 aufgenommen waren und ebenfalls auf VHS vorlagen, permanent und platzsparend digital archiviert werden, als auch einzelne Aufnahmen mitten aus VHS-Kassetten ausgekoppelt werden, damit diese für neue Aufnahmen wiederverwendet oder nach dem unvermeidlichen Ableben des VHS-Videorecorders irgend wann einmal entsorgt werden können.

Wichtig! Will man Daten oder eben auch Filme auf DVD archivieren, beachte man, dass normale, silberne DVD-Rohlinge eine begrenzte Lebensdauer von oft nur ca. zwei Jahren haben. Für Archivzwecke sind sogenannte DVD-RAM gedacht. Die Hersteller geben für sie eine Lebensdauer von 30 Jahren an. Sie können ab Windows XP beliebig oft beschrieben und gelöscht, also wie eine Festplatte genutzt werden und brauchen auch kein Brennprogramm. Der Unterschied zur RW-DVD bzw. CD besteht darin, dass sie hierbei nicht verschleissen, sondern bis 100.000 Schreibvorgänge ohne Defekt möglich sind. Natürlich muss ein modernerer, DVD-RAM-fähiger DVD-Brenner vorhanden sein. Empfehlenswert ist das Fabrikat Panasonic wegen seiner Qualität und Preiswürdigkeit. Bei einer 3-fachen Schreibgeschwindigkeit bekommt man die 4.7 GB-Scheibe schon mal ab ca. 2 Euro im Zehnerpack.

Hierzu wurde der PC mit einer heutzutage wohlfeilen (unter 10 Euro) bei Ebay erhältlichen TV-Karte von Hauppauge ausgerüstet. Ferner war er mit einem Stromspar-Prozessor (Mobile Athlon) und einem sparsamen, leisen Netzteil modernisiert sowie einem kabellosen Keyboard incl. Maus-Ersatz versehen worden. Für den Einsatz an dem vorhandenen Fernseher, solange er noch funktionieren würde, bekam der PC dann noch eine NVidia GeForce2 MX-400V Grafikkarte mit zusätzlichem TV-Ausgang spendiert (Ebay-Preis ca. 10 Euro), die eine Buchse für S-VHS und eine AV-Buchse hat.

Die erforderlichen Anleitungen und Informationen sind im Internet natürlich reichhaltig vorhanden, aber doch sehr aufwendig auszuwählen und zu erproben. Es ist mühsam, herauszufinden, ob man von einer längst gescheiterten Lösung liest oder was der Standard ist, bei dem letztlich jeder landet. Daher nachstehend meine Tipps.

Das Betriebssystem

Zuerst wurde Linux für diesen Zweck getestet. Doch Multimedia-Anwendungen sind von der Hardware abhängig und darin sind Linux-Systeme unzumutbar. (Es ist für den Computerbesitzer nicht unzumutbar, dass Firmen und Programmierer in aller Welt kostenlose Programme für Linux entwickeln und anbieten. Es ist aber unzumutbar, diese dem Nicht-Informatiker als allgemein verwendbare Lösung anzubieten). Der hoffnungsvolle Anwender kämpft sich sodann mit z.B. Soundchips, die in Linux gesperrt sind (z.B. der auf Asus- und Asrock-Qualitätsboards integrierte CM6201), Bildschirmanzeigen, die mit der Standardeinstellung der TV-Programme vielleicht nicht kompatibel sind (vbi0 vs. video0 etc.), fehlenden oder automatisch auf einer nicht standardmäßigen Bezeichnung installierten Sound-Schnittstelle (dsp1 bzw. dsp2 statt dsp) und ähnlichen Ungereimtheiten durch. Das eigentlich dafür gedachte MythTv funktionierte von Live-CD ganz gut, versagte aber nach Installation auf der Festplatte von Anfang an den Dienst.


TV unter Linux

Manche hochgelobten Linux-Programme können Aufnahmen nur von laufenden TV-Sendungen einer digitalen TV-Karte machen, nicht von einem angeschlossenen Videorecorder oder z.B. einer Webcam. Händische Änderungen im Code der Konfigurationsdateien sollten dem Programm dann vorspiegeln, einen TV-Kanal vor sich zu haben, und in Wirklichkeit die Eingabe von der Cinch-Buchse auf der TV-Karte verwenden, ein aussichtsloses Unterfangen. Das fand ich aber erst nach tagelangen Installations- und Testorgien heraus.

Fazit: als Betriebssystem musste das gut eingeführte und von allen Programm- sowie Hardwareherstellern berücksichtigte Windows her. Eine wohlfeile Version von Windows 2000 Professional (10-20 Euro bei Ebay oder weniger) reichte voll und ganz aus.

Die TV-Karte

Moderne TV-Karten sind direkt für den Anschluß an eine DVB-T-Antenne oder digitale Satellitenschüssel gedacht. Die hier vorgestellte Lösung jedoch bestand darin, den PC mit einem entsprechendem Kabel an den Scart-Anschluss, die S-VHS-Buchse oder die Cinchbuchsen (TV und Audio) eines Sat-Receivers oder eines VHS-Recorders anzuschließen. Eine komfortable Senderwahl über die Tastatur oder das Abspeichern der Videotextseiten aller Sender zum jederzeitigen Auslesen ist damit nicht möglich. Dafür kann der PC dann auch problemlos nach der irgendwann fälligen Umrüstung auf einen digitalen Sat-LNB oder jede andere Lösung an den dann aktuellen Empfänger angeschlossen werden.
Für die TV-Karte standen ohne große Preisunterschiede Karten mit Hardware-Kompression (etwa die Hauppauge PVR 150 etc.) oder ganz einfache wie die Hauppauge Win-TV Go zur Diskussion (bei Ebay um ca. 10 Euro). Die Rede ist hier von Karten für den Anschluß an normale TV-Antennen mit analoger Technik. Die analogen Ausstrahlungen sind aber zugunsten der digitalen DVB-T eingestellt werden, sodass dieser Kartentyp fast geschenkt zu haben ist.
Hier wird der Marktführer Hauppauge als Beispiel genannt. Viele andere Fabrikate sind technisch praktisch identisch, aber evtl. muss man bei ihnen herausfinden, welche Chips und Tuner darauf verbaut sind, um die richtige Type in den Programmen einstellen zu können.

Treiber und Software

Treiber
Nun könnten eigentlich alle Überlegungen zu Ende sein - Karte installiert, Hersteller-Software kostenlos heruntergeladen und eingerichtet, fertig. Oder?
Doch leider stellte ich fest, dass z.B. die Hauppauge-Software Fernsehsendungen oder Videosignale vom angeschlossenen Videorecorder nur in der Größe von 352x288 speichern mochte. Zu der Zeit, als diese Karten entwickelt wurden, konnte man sich nicht vorstellen, dass die Datenmengen eines TV-Vollbildes in real time komprimiert und gespeichert werden könnten, waren terabyte-große Festplatten für Consumer doch noch längst nicht erhältlich und die Prozessoren in der Rechenleistung weit unter 1000 MHz.

Ich habe aber keinen Bock auf animierte Briefmarken. Nach einiger Sucharbeit fand ich heraus, dass für die marktbeherrschenden Karten mit dem Videochip BT878 und ähnliche ein freier Treiber existierte, der WDM Video Capture Driver von http://btwincap.sourceforge.net/. Dieser nützt die Kapazitäten des Chips z.B. für Vollbild voll aus, ohne den Prozessor über seine Leistungsgrenzen zu treiben.

Software


VideoDub im Capture Modus (Aufnehmen)

 

Viele werden gelobt, aber nur wenige sind würdig. Für Videoaufnahmen nimmt man Videodub von http://www.virtualdub.org/. Dieses Programm ermöglicht auch das Angucken des TV-Bildes.



VideoDub im Normalmodus (Bearbeiten)

 

Auf dem Zeitstrahl unter dem Bild kann man Anfangs- und Endpunkte der Szenen, die man anschließend herausschneiden oder gesondert speichern will, markieren.

Der Videocodec

Jetzt wird's interessant. Eigentlich ist ein Computer als Videorecorder nicht brauchbar. Die mit den früher üblichen Verfahren komprimierten Filme produzieren mindestens ca. 180 Megabytes pro Minute - ein Spielfilm von 90 Minuten würde ca. 22 CDs brauchen.

Doch vor einigen Jahren hat das Fraunhofer-Institut in München eine Software zur Komprimierung (einen sogenannten Codec) entwickelt, der im sogenannten MPEG-4 Verfahren den Inhalt eines Spielfilms auf eine einzige CD bringen kann. Codecs sind in TV-Software und Hilfprogrammen nicht enthalten, da sie patentiert sind.
MPEG-4 Codecs werden unter dem Namen DivX von divx.com (der Link führt direkt zum Download) vertrieben. Sie sagen es nicht so deutlich, aber der Codec ist kostenlos erhältlich. Er ist in einem Paket von Abspielprogrammen, Konvertern und einer Testversion einer kostenpflichtigen Spielart (freischaltbar für 14,99 Euro) gebündelt und die unbeschränkt leistungsfähige, freie Version "Community Codec" bekommt man erst bei der Installation angeboten.
Es gibt ein paar Alternativen, beispielsweise aus demselben Stall wie die DivX Software ein kostenloser Codec mit demselben Namen von hinten - Xvid. Bei mir lief keine der angeblich gleichwertigen Alternativen. Man besorge sich also den DivX Codec.
Den Codec muss man in Virtualdub sowohl im Capture-Modus als auch im normalen Edit-Modus auswählen über Video --> Compression. Was für Codecs unter der betreffenden Windows-Installation installiert sind, kann man übrigens sehen unter Start --> Einstellungen --> Systemsteuerung --> Sound und Multimedia --> rechter Tab (von dreien) "Hardware" --> Videocodecs --> Eigenschaften --> (nochmal) Eigenschaften.

Die besten TV-Karten vergangener Zeiten mit Hardwarekompression wie WinTV PVR können mit MPEG2 nur eine Kompression erzielen, die zehnmal so viel Platz braucht wie DivX. Sie liefern also vorgekaute Videodateien, die dennoch nicht brauchbar sind. Das ist der Grund, warum man besser eine ganz einfache Karte mit sogenannter Softwarekompression (= garkeine eingebaute) nimmt.

Videos bearbeiten

Der Hauptvorteil der PC-Lösung, vielleicht sogar der Beweggrund, einen solchen einzurichten, liegt in der Bearbeitbarkeit der Videoaufnahmen. Jetzt sehen wir auch, warum der Capture-Modus unter Virtualdub nur ein Unterpunkt im Menü ist. Im Normalbetrieb lädt man über das File-Menü seine Videodatei. Abhängig von den Einstellungen im "View" Menü sieht man im einfachsten Fall das Anfangsbild seines Filmes und darunter einen Zeitstrahl, unter diesem eine Buttonleiste. Wie bei echten und virtuellen Videorecordern sind die zwei ersten Tasten zum Starten und Stoppen des Filmes da. Beim Ablauf bewegt sich eine Markierung den Zeitstrahl entlang, sodass man sieht, welches Filmbild welchem Zeitpunkt entspricht. Man klickt die gewünschten Stellen auf dem Zeitstrahl an und mit den Pos1 und End Tasten bzw. über das Edit-Menü "Set Selection Start" bzw. "Set Selection End" wählt man einen Bereich entsprechend der Stellen der besagten Markierung. Mit der "Del" Taste kann man dann den markierten Bereich entfernen oder über das File Menü --> "Save as AVI" gezielt diesen Bereich abspeichern. Aber nicht vergessen, auch im Edit Modus den Codec einzustellen, sonst speichert man leicht hunderte MB für einen Ausschnitt aus einem komprimierten Film von ganz wenigen MB ab, weil der DivX-Codec nicht voreingestellt ist!

Schneiden oder auch schrittweise betrachten oder einen beliebigen Ausschnitt als Serien von .jpg Bildern abspeichern kann man das erzeugte AVI dann auch unter Linux mit avidemux, das fast wie ein Clone von Virtualdub im Bearbeitungsmodus aussieht. Für "speichern unter" wählt man Kopie/Kopie und nicht etwa xvid, sonst wird die Datei unnötigerweise doppelt so groß.

Kabelei

Eine letzte Herausforderung besteht in der Verkabelung. Wo anschließen? Videorecorder und Sat-Receiver haben gemeinhin zwei Scart-Anschlüsse. Manchmal ist der zweite für einen Decoder bestimmt und muss über die Fernbedienung oder einen Schiebeschalter auf normale Arbeitsweise gestellt werden. Es gibt Scart-Kabel oder Adapter, die eine gelbe AV-Buchse für das Bildsignal sowie eine rote und eine weisse für den Stereoton haben. Die AV-Buchse verbindet man mit ihrem Gegenstück an der TV-Karte, für den Stereoton braucht man einen Adapter mit Klinkenstecker für die Soundkarte ("Line in"-Buchse) am PC.
Wichtig: um von der separaten Leitung Ton aufzunehmen, muss Virtualdub im Capture Modus über das Menü "Audio-->Audio_Input-->Line_in" gesagt werden, wo das Tonsignal herkommt.
Qualitätskabel mit guter Abschirmung sind wichtig. Meine Aufnahmen mit Billigkabeln, Adaptern, wackeligen Kunststoffsteckern wurden unbrauchbar, diese habe ich alle entsorgt. Vor allem für das Eingangssignal von einer Scart-Buchse am Videorecorder zur AV-Buchse der TV-Karte und zum Soundeingang des PC musste ein Kabel von eher gehobener Qualitätsklasse her. Vorher hat ein Billigkabel aus der Umgebung von Röhrenfernseher, PC, Videorecorder, Sat-Empfänger und Standlautsprecher Störungen in Form von Streifen in die Aufnahme gebracht.

Man beachte, dass bequem an der Frontseite des Fernsehers oder Videorecorders angebrachte AV- und Stereo-Cinch-Buchsen als auch S-Video Buchsen in der Regel nur als Eingänge geschaltet sind, um z.B. das Bild von einer Video- oder Digitalkamera ansehen zu können. Es ist verführerisch, sie als Videoquelle benutzen zu wollen, aber nicht erfolgversprechend.

Sind Probleme mit der Verkabelung wegen zickiger Computer (siehe meine eingangs erwähnten Ausführungen über Linux...) oder ungenügender Zahl von Anschlüssen bzw. wegen weiter Entfernungen sonst nicht zu lösen, muss man wohl oder übel die Ausgangsbuchse für Antennenkabel verwenden, die noch jeder Sat-Receiver oder VHS-Recorder aufweist. Das kann z.B. eine Lösung sein, wenn das Tonsignal auf separater Leitung nicht hereinkommen mag. Einen Qualitätsverlust vermochte ich im Gegensatz zur gesamten Fachpresse incl. Internetforen nicht auszumachen - er ist wohl eher theoretisch. Aber man verurteilt sich dazu, bei TV-Software mühsam von Hand nach der Frequenz zu suchen, auf dem der Receiver oder der VHS-Recorder das Signal ausgibt, und die Frequenz (durch einen Schraubenzieher einstellbar) liegt darüberhinaus nie genau auf einem TV-Kanal, wie sie bei TV-Software voreingestellt und suchbar sind.
Videodub kann (und muss) wie auch alle andere TV-Software eingestellt werden, ob es sein Bildsignal auf AV1 oder AV2, über S-Video oder über einen Videotuner bekommt (im Capture Modus "Video --> Source -> Wählen Sie eine Videoquelle aus ->Videozusammensetzung (dämliche Übersetzung von "Composite Video"!), kann aber selber keine Kanäle wählen - es "hängt" sich an jede andere TV-Software an, die auf dem PC installiert ist und den Tuner auf der TV-Karte auf einen bestimmten Kanal einstellen kann.
Immer noch kein Ton? Man suche den Soundmixer auf seinem PC, i.d.R. ist er über den Soundkarten-Treiber installiert worden, und gucke nach, ob die benötigten Ein- und Ausgänge, normalerweise Line in und Lautsprecher, nicht auf Null oder auf "mute" gestellt sind.
Trotzdem noch kein Ton? Vielleicht fehlen auf dem Mainbord zwei kleine Steckbrücken, die dafür sorgen, dass sowohl die Anschlüsse hinten als auch das Panel vorne an einem PC das Signal bekommen.

Betrachter unter Windows

Jetzt ergab sich nur noch die kleine Schwierigkeit, dass ich die digitalisierten Videos im DIVX Format nur unter MS-Windows aufnehmen, aber nur unter Linux mit GPlayer angucken konnte. Die Installation entweder von DIVX von www.divx.com oder des renommierten VLC-Player auf meinem ältlichen Windows2000 scheiterte an Fehlermeldungen über den Kernel.
Die Lösung ist einfach: mit dem XP-Codec-Pack wurde höchst problemlos nicht nur der benötigte Codec, sondern auch der "Media Player Classic" (Freeware) installiert und der Uralt-Laptop mit einem 400MHz-Prozessor und 320MB RAM spielte diese auch problemlos von eigener Festplatte ab.

Im Windows Media Player oder Classic Media Player alles nur schwarzweiss? Nvidia-Treiber (z.B. GeForce2)? Mit Rechtsklick auf den Desktop die "Eigenschaften" des Bildschirms aufrufen, sich zu den NVidia-Einstellungen durchklicken, die Einstellungen für Overlay-Modus aufsuchen und dort die Sättigung von "0" auf "100%" ändern!

Unter VMWare mit Windows XP blieb der Bildschirm schwarz, bis ich per Rechtsklick auf den Desktop unter "Eigenschaften - Einstellungen - Erweitert - Problembehandlung" die Hardwarebeschleunigung auf die zweite Stufe (von fünf) zurückstellte.

Zurück zu "Interessen"

Stand: 4. Februar 2011